Würzburg (POW) Wie kann Kirche Raum des Zuhörens und der Begegnung sein? Wie kann sie Orientierung bieten, um die Demokratie zu stärken? Mit diesen Fragen setzt sich beim 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg die „Demokratiekirche“ in der Würzburger Marienkapelle auseinander. Der Ort selbst ist geschichtsträchtig und verdeutlicht zugleich die Spannung, in der Kirche steht, wenn sie Demokratie zum Thema macht. Die Marienkapelle steht dort, wo sich im Mittelalter Würzburgs Synagoge befand. Diese wurde bei einem der vielen Pogrome zerstört.
„Die ‚Demokratiekirche‘ setzt einen Akzent beim Würzburger Katholikentag: Sie wurde als Programmpunkt aus dem Kreis der Würzburger Arbeitskreisleitungen vorgeschlagen“, erklärt Dr. Harald Ebert vom Vorbereitungsteam der ‚Demokratiekirche‘. Mit dem Angebot werde Kirche selbst zum zivilgesellschaftlichen Akteur und melde sich besonders bei Fragen der Menschenwürde und weit darüber hinaus zu Wort.
Die „Demokratiekirche“ will beim Katholikentag Austausch- und Aktionsraum mit zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren sein. Das Angebot gliedert sich in drei Bereiche: Workshops, Ausstellungen und Begegnungsraum. „Damit greift die ‚Demokratiekirche‘ auf, was der Soziologe Professor Dr. Hartmut Rosa in seinen Gedanken zum Würzburger Diözesanempfang 2022 in der Schrift ‚Demokratie braucht Religion‘ vorgelegt hat“, erklärt Ebert. Religionen würden zu Lebenshilfen, wenn sie Resonanzräume für Fragen der Menschen und der Gesellschaft anbieten können. „Auch die katholische Kirche muss neu lernen zuzuhören, bevor sie versucht, Antworten zu geben. ‚Zuhören & Sprechen‘, ‚Achten & Aufstehen‘ und ‚Mitmachen & Vertrauen‘ sind so etwas wie das Betriebssystem der ‚Demokratiekirche‘, um die für Kirche und Demokratie gemeinsam überlebenswichtigen Themen Menschenwürde, Teilhabe und Verständigung überhaupt erneut, aber nachdrücklich aufnehmen zu können.“
In den Workshops geht es um die Themen Menschenwürde, Teilhabe und Verständigung. Sie finden zu festen Zeiten in einem abgetrennten Bereich der Marienkapelle statt. Die Dauer beträgt jeweils 90 Minuten, die Zahl der Teilnehmenden ist begrenzt. Eine Anmeldung ist sowohl im Internet auf der Website der „Demokratiekirche“ als auch vor Ort möglich. So geht es in einem Workshop zum Beispiel um „Klassismus: Die vergessene Diskriminierungsform?!“. Gemeinsam mit Dr. Francis Seeck, Professor*in für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Demokratie- und Menschenrechtsbildung (TH Nürnberg), gehen die Teilnehmenden unter anderem der Frage nach, inwiefern gesellschaftliche Denkmuster klassistisch geprägt sind und wie eine klassismuskritische Haltung diese sichtbar machen oder gar auflösen kann. „Sprechen wir, um Sprachlosigkeit zu überwinden“, heißt es in der Beschreibung.
Beim Workshop „Demokratie spüren und erleben“ geht es darum, Vielfalt, Unterschiede und Entscheidungsfindung in Gruppen zu thematisieren. Gearbeitet wird mit Übungen von Betzavta, (hebräisch für „Miteinander“), einer Methode für demokratische Aushandlungsprozesse und gegenseitige Anerkennung unterschiedlicher Standpunkte. Die Webseite der „Demokratiekirche“ schreibt dazu: „Mit den kurzen praktischen Erlebnissen hilft Betzavta, vom moralischen Lippenbekenntnis zu dem zu kommen, was tatsächlich da ist. Die Gruppe lernt durch diese praktischen Erfahrungen an sich selbst den Umgang mit Demokratie, eigener Macht, Toleranz und Fairness.“ Die Betzavta-Methode wurde 1988 von Uki Maroshek-Klarman am ADAM-Institut für Demokratie und Frieden in Jerusalem entwickelt. Dieses hat seine Wurzeln in der israelischen Friedensbewegung. 1995 wurde das Konzept dann vom Centrum für angewandte Politikforschung in München für die Bildungsarbeit in Deutschland angepasst
Drei Ausstellungen warten während der Öffnungszeiten (Donnerstag, 14. Mai, 11 bis 19 Uhr, Freitag, 15. Mai, 10.30 bis 19 Uhr sowie Samstag, 16. Mai, 10.30 bis 18 Uhr) darauf, entdeckt zu werden. Gezeigt wird zum Beispiel „König:innen“ von Ralf Knoblauch. Die Skulpturen thematisieren die Würde jedes Menschen und schlagen eine Brücke zur Taufwürde. Begleitend können Besucherinnen und Besucher im Freien Holztäfelchen mit den Worten „Würde unantastbar“ und einer Krone mit Brennstempeln gestalten. Vorbereitet hat das die Berufsgruppe der Ständigen Diakone im Bistum Würzburg.
Eine weitere Ausstellung zeigt Ikonen, welche die ukrainischen Kunstschaffenden Oleksandr Klymenko und Sonia Atlantova auf gebrauchten Munitionskisten gestaltet haben. Die Bilder reflektieren „das Spannungsfeld zwischen den leidvollen Erfahrungen des Kriegs und den Überstieg des Leids im Glauben“. Sie eröffnen Gespräche über das Dilemma zwischen Aufrüstung, „gerechtem“ Frieden und dem menschlichen Leid, besonders im Kindheitszyklus über entführte Kinder. Klymenko und Atlantova bieten Begegnungen und Gespräche an, unterstützt durch begleitendes Informationsmaterial.
Zu sehen sind außerdem Porträts und Texte von Geflüchteten, die im Kirchenasyl Schutz gefunden haben. Die Ausstellung des ökumenischen Netzwerks „Asyl in der Kirche in NRW“ aus Münster erzählt von ihren Erfahrungen und Perspektiven. Ergänzende Roll-ups informieren über die Praxis und die Herausforderungen des Kirchenasyls. Eine symbolische Installation mit Bett, Tisch, Stuhl und Schwimmweste verweist auf die Entrechtung und Objektivierung der Geflüchteten, die Gefahren der Flucht und den notwendigen Schutz ihrer Würde als Subjekte des eigenen Handelns.
Da Gespräche und Begegnungen zentral für den demokratischen Diskurs sind, kann über Themen wie Menschenwürde, Beteiligung, Verständigung und das, was einem zum Thema Demokratie unter den Nägeln brennt, in der „StreitBar“ diskutiert werden. Ein offener Bereich lädt ein zum Zuhören, Nachdenken und Mitdiskutieren, in Kleingruppen an Stehtischen, über Themen, die die Besuchenden selbst mitbringen. „Hier können Interessierte spontan und ohne Voranmeldung vorbeikommen und sich beteiligen, solange sie möchten“, betont Ebert. Der Name „StreitBar“ spiele auf die Erfahrungen der Wehrlosigkeit der Weimarer Republik und den Gegenentwurf der wehrhaften Bonner Republik an und biete ein Forum für Beiträge zu dem, was Menschen bewegt. Ebert erklärt: „Widerspruch gehört zum Leitgedanken des Katholikentags: Mut haben und aufstehen zur Gestaltung von Kirche und der Demokratie und Widerstand, vor allem dann, wenn es um die Fragen der Menschenwürde geht.“
Friedensgebete finden am Donnerstag, 14. Mai, 18.30 Uhr, sowie am Freitag, 15. Mai, 13 Uhr, in der „Demokratiekirche“ statt. Am Donnerstag gedenkt die Gemeinschaft Sant’Egidio der Regionen und Länder im Krieg. Domvikar Dr. Matthias Leineweber, Geistlicher Begleiter von Sant’Egidio und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), steht dem Gebet vor. Dem von der ökumenischen Nagelkreuzgemeinschaft Würzburg vorbereiteten ökumenischen Friedensgebet am Freitag stehen Antje Biller, evangelische Pfarrerin aus Ochsenfurt, und Elisabeth Nikolai von der Nagelkreuzgemeinschaft vor. Es wird als Versöhnungsgebet nach der Liturgie von Coventry gestaltet.
Nähere Informationen und Anmeldung zu den Workshops im Internet unter katholikentag.bistum-wuerzburg.de/demokratiekirche.
mh (POW)
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